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Grundbegriffe

Was ist First-Principles-Denken? Einfach erklärt

First-Principles-Denken macht Grundannahmen sichtbar, prüft sie und baut von belastbaren Grundlagen aus weiter. Beispiele für Kinder und Erwachsene und die Rolle dieser Denkweise an unserer Schule.

Sepia-Zeichnung: links wird eine kleine Struktur in einzelne Grundbausteine zerlegt, in der Mitte prüft eine Hand einen Baustein mit der Lupe, rechts entsteht daraus eine neue, stabilere Struktur
Eine Sache auf das zerlegen, was wirklich trägt, und von dort neu bauen. Das ist der ganze Gedanke.

Ein Kind fragt: Warum schwimmt ein riesiges Schiff aus Eisen, ein kleiner Nagel aus demselben Eisen geht aber sofort unter? Darauf gibt es zwei Arten zu antworten. Die eine: Das ist eben so, das lernst du später. Die andere: Komm, wir finden es heraus, Stück für Stück, bis wir es selbst verstehen.

Die zweite Antwort ist First-Principles-DenkenFirst-Principles-Denken Eine Sache von Grund auf neu durchdenken: Annahmen sichtbar machen, prüfen und von belastbaren Grundlagen aus weiterbauen. Mehr dazu. Der Rest dieses Textes erklärt, was das ist, an Beispielen, die ein Kind versteht, und warum unsere ganze Schule darauf gebaut ist.

Zwei Arten zu denken

Es gibt grob zwei Wege, an eine Sache heranzugehen.

Der erste ist Denken per Analogie, also über Ähnlichkeit. Man macht es so, wie es andere machen, wie man es immer gemacht hat, wie es im Rezept steht. Das ist schnell und meistens gut genug. Ein Koch, der ein Rezept genau befolgt, bekommt ein ordentliches Essen auf den Tisch.

Der zweite ist First-Principles-Denken. Man macht die GrundannahmenAxiome Eine Grundannahme, von der man ausgeht: ein Satz, den man nach bestem Wissen für wahr hält und auf den man alles Weitere aufbaut. Mehr dazu einer Sache sichtbar, prüft sie und baut von belastbaren Grundlagen aus weiter. Der Begriff knüpft an Aristoteles an. Im ersten Buch seiner Metaphysik beschreibt er Weisheit als Wissen um erste Ursachen und Prinzipien: Andere Dinge werden aus ihnen erkannt, sie selbst aber nicht bloß aus den Einzelfällen abgeleitet. Ein Koch, der versteht, was Hitze mit Eiweiß macht und wozu Salz dient, kann ein Rezept anpassen und ein misslungenes Gericht retten, weil er die Funktion der einzelnen Schritte kennt.

In heutiger Systemtechnik sieht die Arbeitsbewegung nüchterner aus. Das NASA Systems Engineering Handbook beschreibt logische Zerlegung als eigenen Entwurfsprozess: Erwartungen werden in überprüfbare Anforderungen, Funktionen und Teilmodelle übersetzt. Annahmen und Entscheidungsgründe sollen festgehalten und revidiert werden, wenn neue Erkenntnisse die bisherige Architektur infrage stellen. Das ist nicht dasselbe wie Aristoteles' ErkenntnistheorieErkenntnistheorie Der Teil der Philosophie, der fragt, was Wissen ist, wie es begründet wird und wo seine Grenzen liegen. Mehr dazu. Gemeinsam ist beiden der entscheidende Schritt: erst klären, was gelten und erreicht werden muss, dann die Lösung bauen.

Ein Beispiel zum Anfassen

Ein Kind will einen möglichst hohen Turm aus Bauklötzen bauen. Es kann den Turm des Nachbarkindes genau nachbauen, Klotz für Klotz. Das ist der Analogie-Weg, und er endet bei einem Turm, der genauso hoch ist wie der Nachbarturm, keinen Klotz höher.

Oder das Kind fragt zuerst: Was hält einen Turm überhaupt aufrecht? Eine breite Basis, ein tiefer Schwerpunkt und eine stabile Auflage für jeden weiteren Klotz. Das sind Grundannahmen über den Turm. Wer sie kennt, kann einen eigenen Entwurf bauen. Wenn er wackelt, gibt es konkrete Stellen zum Nachbessern.

Der Unterschied liegt im Zweck: Nachbauen übernimmt eine vorhandene Lösung. First-Principles-Denken hilft, eine Lösung zu verstehen, zu verändern oder neu zu entwickeln.

Drei Fragen, mit denen ein Kind es üben kann

First-Principles-Denken lässt sich in drei Fragen üben, und die passen für einen Sechsjährigen so gut wie für einen Erwachsenen. Bei uns heißen sie der Kern des Fachs, in dem Kinder lernen, die Welt selbst zu prüfen:

  1. Was ist wahr?
  2. Woher weiß ich das?
  3. Wie würde ich merken, dass ich falsch liege?

Diese drei Fragen verwandeln jede Behauptung in etwas, das man selbst prüfen kann. Sagt ein Freund, ein Video oder eine künstliche Intelligenz etwas mit voller Überzeugung, muss ein Kind es nicht einfach glauben. Es fragt nach: Woher weißt du das? Erklär es anders. Was fehlt in deiner Antwort? In einer Welt, in der Maschinen jede Antwort flüssig und selbstsicher liefern, ist dieses Prüfen zur Grundfertigkeit geworden, so wichtig wie das Lesen selbst.

Wie daraus konkrete Regeln für den Unterricht mit künstlicher Intelligenz werden, beschreibt KI gehört an Schulen. Und zwar so wie Feuer.

Warum unsere Schule darauf steht

Schulen entstehen aus Geschichte, Erfahrung, Werten und Erkenntnissen über Lernen. Bei der Weiterentwicklung der Freien Schule Salzburg machen wir unsere Grundannahmen ausdrücklich sichtbar und prüfen, welche Entscheidungen daraus folgen.

Diese Grundwahrheiten nennen wir unsere Axiome, unsere Grundannahmen. Aus dem Satz Kinder wachsen in Beziehung und dem Satz Ein Kind lernt tiefer, wenn es weiß, wofür, folgt eine ganz andere Schule als aus dem alten Satz Alle gleich alt, alle im gleichen Tempo. Wie diese Herleitung im Ganzen aussieht, steht im Dreiklang, worauf diese Schule steht.

Die Methode wird an Vergleichen überprüfbar. Deshalb legen wir unsere Annahmen neben jene von Montessori, Waldorf, demokratischen Schulen und der Regelschule. Die Texte suchen Übereinstimmung und Unterschied jeweils von den zugrunde liegenden Entscheidungen her.

Und weil selbst unsere eigenen Axiome eines Tages durch bessere Belege ergänzt oder korrigiert werden müssten, haben wir eine Regel eingebaut, die uns zwingt, sie immer wieder zu prüfen. First-Principles-Denken ohne diese Regel würde sonst selbst zum neuen Dogma, also zu einer Wahrheit, die man nur noch nachbetet. Warum eine Schule deshalb absichtlich nie fertig ist, steht in Die Schule, die nie fertig ist.

Woher diese Denkweise kommt

Diese Prinzipien sind über Jahre gewachsen. Der Anfang liegt weiter zurück. Mit fünfzehn Jahren, 2011, fasste Momo Feichtinger den Entschluss, Bildung zu seiner Lebensaufgabe zu machen, weil er sie als den größten Hebel erkannte, an dem ein einzelner Mensch für die Zukunft ansetzen kann. Zehn Jahre später, 2021, bildete sich auf der Audio-Plattform Clubhouse eine Gruppe namens Education Revolutionaries, in der Bildungsmenschen aus aller Welt zusammenkamen, um eine einzige Frage zu verfolgen: Wie sähe Bildung aus, wenn man sie heute von Grund auf neu denken dürfte? Fast ein Jahr lang wurde dort fast täglich mehrere Stunden diskutiert, gestritten, verworfen und neu gebaut. Aus diesen Gesprächen sind die Grundannahmen entstanden, auf denen diese Schule steht.

Danach kamen zwei Jahre Praxis. Die Prinzipien wurden im Lernprojekt Colearning mit echten Kindern erprobt, korrigiert und geschärft, bevor daraus eine Schule wurde. Das ist auch der Grund, warum wir beim ständigen Selbstprüfen so hartnäckig sind: Wer eine Idee über Jahre im echten Alltag getestet hat, weiß, wie oft sich eine schöne Theorie erst dort blamiert. Die ganze Geschichte, von der ersten Erkenntnis mit fünfzehn bis zur fertigen Schule, steht hier: Der größte Hebel.

Der Haken

First-Principles-Denken braucht Zeit. Annahmen müssen benannt, geprüft und manchmal verworfen werden. Der Vorteil liegt darin, dass Entscheidungen nachvollziehbar bleiben und verändert werden können, wenn neue Erfahrungen oder Erkenntnisse dazukommen.

Im Schulalltag taucht diese Denkweise in einfachen Fragen auf: Was nehmen wir gerade an? Woher wissen wir das? Was würde unsere Einschätzung verändern? Kinder und Erwachsene können diese Fragen gleichermaßen nutzen.

Häufige Fragen

Ist First-Principles-Denken nicht zu abstrakt für Kinder?

Im Gegenteil. Kinder machen es von selbst, mit ihrem endlosen Warum. First-Principles-Denken heißt schlicht, dieses Warum ernst zu nehmen und weiterzuführen, statt es mit Das ist eben so abzuwürgen.

Heißt das, ihr lehnt bewährte Methoden ab?

Nein. Wir prüfen sie an dem, was heute über Lernen gesichert ist. Was besteht, bleibt. Es geht nicht darum, anders zu sein, sondern darum, jede Methode begründen zu können.

Woher kommt der Begriff?

Der Begriff knüpft an Aristoteles und seine Suche nach grundlegenden Ausgangspunkten, den archai, an. Heute wird die Denkweise in Wissenschaft, Technik und Gestaltung verwendet, um Annahmen sichtbar und überprüfbar zu machen.

Braucht mein Kind viel Vorwissen dafür?

Es braucht genug sicheres Grundwissen, um Behauptungen überhaupt prüfen zu können. Genau deshalb bestehen wir bei Lesen, Schreiben und Rechnen auf echtem Beherrschen, bevor darauf aufgebaut wird.

Quellen

  1. Stanford Encyclopedia of Philosophy: Aristotle's Metaphysics (archai, erste Prinzipien): https://plato.stanford.edu/entries/aristotle-metaphysics/
  2. Aristoteles: Metaphysik, Buch I (griechischer Text und englische Übersetzung, Perseus Digital Library): https://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus%3Atext%3A1999.01.0052%3Abook%3D1
  3. NASA Systems Engineering Handbook: System Design Processes (logische Zerlegung und nachvollziehbare Annahmen): https://www.nasa.gov/reference/4-0-system-design-processes/