Grundannahmen
Demokratische Schulen, Sudbury und unsere Grundannahmen
Demokratische Schulen, Sudbury und die Freie Schule Salzburg stärken Selbstbestimmung. Beim Weg dorthin treffen sie unterschiedliche Entscheidungen zu Führung, Grundlagen und Wahlfreiheit.

Die Frage, die manche Eltern an einem Herbstabend mitbringen
In einem Gespräch sagt eine Mutter einen Satz, der oft fällt, nur selten so klar: "Ich möchte nicht, dass mein Kind gezwungen wird. Es lernt am besten, wenn es selbst entscheidet. Warum gibt es bei Ihnen dann überhaupt feste Module am Vormittag?" Sie hat sich mit demokratischen Schulen beschäftigt, mit Sudbury, mit dem Namen Summerhill. Ihr Kind ist eines von denen, die sich stundenlang in ein selbstgewähltes Projekt versenken und bei jeder Vorgabe von außen dichtmachen. Sie schwankt. Auf der einen Seite die radikale Selbstbestimmung, auf der anderen wir, mit unseren Kernmodulen und unserer Rede von Meisterschaft.
Dieser Text zeigt, wo wir uns mit Sudbury und Summerhill beim Ziel treffen und wo wir beim Weg andere Entscheidungen treffen.
Wovon wir ausgegangen sind
Wir haben diese Schule nicht aus einem Katalog bestehender Modelle zusammengestellt. Wir sind von unseren GrundannahmenAxiome Eine Grundannahme, von der man ausgeht: ein Satz, den man nach bestem Wissen für wahr hält und auf den man alles Weitere aufbaut. Mehr dazu ausgegangen und haben von dort aus hergeleitet, was folgt. Drei davon tragen alles, wir nennen sie den Dreiklang: Kinder wachsen in Beziehung. Lernen muss echt sein, es muss Sinn und Wert haben. Und das Ziel ist Mündigkeit, ein junger Mensch, der Weisheit und Handlungsfähigkeit besitzt und niemandem mehr die Verantwortung für sein Denken überlässt.
Aus diesem Ziel folgt etwas, das viele überrascht: Autonomie, also die Fähigkeit, sich selbst zu steuern, ist für uns das Ziel und zugleich der Trainingsweg, aber nicht die Voraussetzung, die am ersten Tag schon vollständig da sein muss. Ein Kind wird selbstbestimmt, indem es Schritt für Schritt Kompetenz aufbaut und daran die eigene Wirksamkeit erlebt. Freiheit wächst mit Verantwortung und mit Können. Genau an diesem Satz entscheidet sich später fast alles im Vergleich mit den demokratischen Schulen.
Sudbury und Summerhill
Die Sudbury Valley School wurde 1968 in Framingham, Massachusetts, gegründet. Sie verbindet Bildungsfreiheit, demokratische Selbstverwaltung und die Verantwortung des Kindes für das eigene Lernen. Ein Vorläufer ist Summerhill, 1921 von A. S. Neill gegründet. Dort sind Unterrichtsstunden freiwillig, und die Schule soll sich dem Kind anpassen.
Beide Modelle entstanden als Gegenentwurf zu autoritärer Schule. Sie rückten Würde, Handlungsfähigkeit, Selbstbestimmung und intrinsische Motivationintrinsische Motivation Etwas aus eigenem Antrieb tun, weil es einen selbst interessiert, nicht wegen Belohnung oder Note. ins Zentrum. Diese Entscheidungen prägen demokratische Schulen bis heute.
Wo wir uns treffen, ohne uns abgesprochen zu haben
Wenn wir aus unserem DreiklangDreiklang Das Fundament der Schule in drei Stufen: Beziehung als Basis, sinnvolles Lernen als Weg, Mündigkeit als Ziel. Mehr dazu das Ziel herleiten, landen wir genau dort, wo Greenberg und Neill hinwollten. Ein junger Mensch, der sein Leben selbst führt, aus eigenem Antrieb lernt und für sein Denken selbst geradesteht. Diese Endvision teilen wir vollständig.
Und die Übereinstimmung reicht weiter als nur bis zum Ziel. Wir treffen uns bei mehreren Wegstücken, jedes Mal unabhängig hergeleitet. Intrinsische Motivation als Motor echten Lernens folgt bei uns aus dem Axiom, dass Lernen stark durch Sinn und Wert wächst; bei Sudbury steht sie im Zentrum. Echtes Weltlernen statt künstlichem Schonraum folgt bei uns daraus, dass die Schule ein Übungsfeld der echten Welt sein soll; bei ihnen heißt es Lernen durchs Leben. Altersmischung leiten wir aus Beziehungs- und Kompetenzgründen her, jüngere lernen von älteren, ältere übernehmen Verantwortung; der Forscher Peter Gray hat sie empirisch als wertvoll bestätigt. Die demokratische Stimme des Kindes geben wir über unsere Verbesserungs-Box und über ReifegradReifegrade Eine Verantwortungs-Leiter: mehr Freiheit bekommt ein Kind, wenn es gezeigt hat, dass es sie tragen kann, nicht nach Alter oder Leistung. Mehr dazu-Stufen für Kulturfragen; Sudbury gibt sie über das School Meeting. Und beide lehnen die Ziffernnote als Beschämungsinstrument ab.
Die Überschneidung liegt vor allem beim Ziel: Ein junger Mensch soll handlungsfähig werden, Verantwortung übernehmen und aus eigenem Antrieb lernen können.
Wo sich unsere Herleitung trennt
Der Unterschied liegt beim Weg. Hier stehen zwei Haltungen nebeneinander.
Die erste ist eine Frage der Evidenz, kein Werturteil. Sudbury und Summerhill setzen Autonomie als Startpunkt: keine Instruktion, kein Curriculum, das Kind lernt alles Nötige aus reinem Selbstantrieb, sobald es bereit ist. Das war 1921 und 1968 eine glaubwürdige Annahme, denn damals bedeutete Anleitung faktisch autoritärer Zwang, und der Befreiungsschlag war historisch berechtigt. Nur hat die Lernwissenschaft seither präziser hingeschaut. Für Anfänger, in der Fachsprache Novizen, also Menschen ohne Vorwissen als inneren Kompass, ist reines Entdecken oft nicht die wirksamste und manchmal nicht einmal eine ausreichende Route. Kirschner, Sweller und Clark haben 2006 gezeigt, dass minimal angeleitetes Lernen die kognitive BelastungCognitive Load Theory Der Arbeitsspeicher im Kopf ist klein. Sitzen Grundfertigkeiten automatisch, bleibt Kapazität fürs eigentliche Denken frei. Mehr dazu überfordert, also das ArbeitsgedächtnisArbeitsgedächtnis Der kleine geistige Arbeitsspeicher, in dem man nur wenige Dinge gleichzeitig halten kann., das nur wenige neue Dinge zugleich halten kann, solange das Vorwissen fehlt. Der Vorteil der Anleitung schwindet erst, wenn genug Können als innerer Führer da ist. Genau das ist unser Axiom 6, in eine Methode übersetzt.
Beim Lesen wird es konkret. Viele Kinder lernen Lesen nicht zuverlässig von allein. Das National Reading Panel hat 2000 belegt, dass systematischer, expliziter Phonicssynthetische Phonics Lesen lernen, indem man einzelne Laute systematisch zu Wörtern zusammenzieht, statt Wörter als Ganzes zu raten.-Unterricht, also das geordnete Beibringen, welche Buchstaben welchen Lauten entsprechen, im Durchschnitt Vorteile gegenüber Ansätzen mit wenig oder keiner Instruktion hat. Phonics ist dabei ein notwendiger Baustein, nicht das ganze Leseprogramm. Daraus folgt bei uns, dass Kompetenz Instruktion und Übung braucht und dass wir nach Verstehen weitergehen, nicht nach Kalender, ein Prinzip, das wir Meisterschaft statt Kalender nennen. Deshalb bauen wir Autonomie geführt auf, in drei Stufen: Plan-für-dich, dann Plan-mit-dir, dann Plan-von-dir. So wächst Freiheit, die man tragen kann, statt am ersten Tag vorausgesetzt zu werden.
Die zweite Trennung ist keine Evidenzfrage, sondern eine echte Wertefrage, und die verdient Respekt in beide Richtungen. Sudbury gewichtet die vollständige Nicht-Einmischung des Erwachsenen als eigenen Wert. Vertrauen zeigt sich gerade darin, nicht zu lenken. Wir setzen ein anderes Wert-Axiom, die Wachstumsbeziehung als Basis des Dreiklangs. Ein Erwachsener, der begleitet, herausfordert, Instruktion anbietet und Meisterschaft einfordert, ist für uns nicht Kontrolle. Ein solcher Erwachsener traut dem Kind etwas zu und verlangt ihm etwas ab. Hier gibt es kein richtig oder falsch. Hier gibt es zwei Haltungen, die man klar nebeneinanderstellen kann.
Selbstbestimmung, Kompetenz und Beziehung
Die SelbstbestimmungstheorieSelbstbestimmungstheorie Eine gut belegte Motivationstheorie (Deci und Ryan): Menschen lernen nachhaltig, wenn drei Bedürfnisse erfüllt sind, nämlich Selbststeuerung, Kompetenz und Zugehörigkeit. von Ryan und Deci beschreibt drei verbundene Grundbedürfnisse: Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit. Für unseren Ansatz folgt daraus, Selbstbestimmung mit Anleitung, Können und tragenden Beziehungen zu verbinden.
Absolventenstudien zeigen zugleich, dass demokratische Schulen vielfältige Bildungs- und Berufswege ermöglichen. Gray und Chanoff untersuchten 1986 Absolventen der Sudbury Valley School; Gray und Riley berichteten 2015 über erwachsene Unschooler. Die Befunde erlauben keine pauschale Abwertung. Unsere Entscheidung für einen geführten Kompetenzaufbau ist eine pädagogische Abwägung, kein Urteil über Kinder oder Familien in anderen Modellen.
Unsere Annahmen bleiben überprüfbar
Auch unsere Methoden müssen sich regelmäßig an Ziel, Grundannahmen und neuen Erkenntnissen bewähren. Dafür gibt es einen Lern-Eingang, eine Abschaffungsregel und ein jährliches Red-TeamRed-Team-Regel Eine feste Gegenprüfung, bei der jemand gezielt nach Schwachstellen, Gegenbelegen und unerwünschten Folgen sucht. Mehr dazu. Mehr dazu steht in Die Schule, die nie fertig ist.
Demokratische Schulen und die Freie Schule Salzburg teilen das Ziel einer handlungsfähigen, selbstbestimmten jungen Person. Der zentrale Unterschied liegt darin, wie stark Erwachsene den Kompetenzaufbau anleiten und wie Verantwortung schrittweise wächst.
Häufige Fragen
Ist die Freie Schule Salzburg eine demokratische Schule oder eine Sudbury-Schule?
Nein, wir sind weder das eine noch das andere, auch wenn wir uns beim Ziel stark mit ihnen treffen. Demokratische Schulen und Sudbury setzen volle Selbstbestimmung ab dem ersten Tag voraus, ohne festen Lernstoff und ohne Instruktion. Wir teilen das Ziel der Mündigkeit, bauen die Autonomie aber begleitet auf, in den Stufen Plan-für-dich, Plan-mit-dir, Plan-von-dir, und bieten dabei klare Instruktion und tägliche Kernmodule an. Wir haben ein Öffentlichkeitsrecht auf Dauer und stellen staatlich anerkannte Zeugnisse aus.
Mein Kind sucht sich ständig eigene Projekte und blockt bei Vorgaben ab. Wäre eine freie Schule mit Selbstbestimmung nicht passender?
Der Projektdrang Ihres Kindes ist bei uns willkommen, wir arbeiten mit eigenen Projekten mit echten Adressaten und einer Quartals-Expo. Der Unterschied ist, dass wir Ihrem Kind zugleich die Grundfertigkeiten geführt beibringen, damit seine Projekte auch tragen. Selbstbestimmung ohne Können führt oft dort in Frust, wo Anleitung gefehlt hat. Wir schützen die Motivation, indem wir Autonomie und Kompetenz zusammen aufbauen.
Bedeutet Instruktion bei Ihnen, dass Kinder zu etwas gezwungen werden?
Nein. Instruktion heißt bei uns klare Anleitung und Übung dort, wo ein Kind noch Anfänger ist und Anleitung nachweislich hilft, eingebettet in eine feste Bezugsperson und ein wöchentliches Einzelgespräch. Es gibt keine Ziffernnoten und keine Beschämung. Wir gehen nach Verstehen weiter, nicht nach Kalender. Freiheit wächst bei uns mit Kompetenz und Verantwortung, statt am ersten Tag total vorausgesetzt zu werden.
Gibt es bei Ihnen demokratische Mitbestimmung für die Kinder wie das School Meeting?
Kinder haben bei uns echte Mitgestaltung, über eine Verbesserungs-Box, über Reifegrad-Stufen für Kulturfragen und über unser Kaizen-Prinzip, mit dem sich die ganze Schule laufend prüfen lässt. Das ist unabhängig hergeleitet und trifft sich mit dem demokratischen Gedanken der Sudbury- und Summerhill-Schulen, ist aber an das Können und die Verantwortung des Kindes gekoppelt statt formal gleich verteilt.
Wo in Salzburg finde ich Sie und für welche Schulstufen?
Wir sind in der Strubergasse 26 in 5020 Salzburg, im VHS-Gebäude. Träger ist der gemeinnützige Verein Kreativwerkstatt. Wir führen die 1. bis 9. Schulstufe altersgemischt, nach dem Glocksee-Lehrplan mit Differenz-Lehrplan und eigener, in Salzburg entwickelter Lernsoftware.
Quellen
- Gray & Chanoff (1986): Democratic Schooling. What Happens to Young People Who Have Charge of Their Own Education? American Journal of Education, 94(2), 182-213: https://cdn2.psychologytoday.com/assets/attachments/1195/democratic-schooling-aje_0.pdf
- Gray & Riley (2015): Grown Unschoolers' Evaluations of Their Unschooling Experiences. Report I on a Survey of 75 Unschooled Adults. Other Education: https://academicworks.cuny.edu/hc_pubs/480/
- Kirschner, Sweller & Clark (2006): Why Minimal Guidance During Instruction Does Not Work. Educational Psychologist, 41(2), 75-86: https://itgs.ict.usc.edu/papers/Constructivism_KirschnerEtAl_EP_06.pdf
- National Reading Panel (2000): Teaching Children to Read. Findings, NICHD: https://www.nichd.nih.gov/publications/pubs/nrp/findings
- Ryan & Deci (2000): Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being. American Psychologist, 55(1), 68-78: https://selfdeterminationtheory.org/SDT/documents/2000_RyanDeci_SDT.pdf
- Sudbury Valley School (Gründungs- und Faktencheck), Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Sudbury_Valley_School
- Summerhill School (Gründungs- und Faktencheck), Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Summerhill_School